Position der LAG JSA zu den Handlungsempfehlungen aus der Evaluation des Jugendwerkstätten-Programms

Die Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit (LAG JSA) begrüßt die Ergebnisse der vom Sozialministerium beauftragten Evaluation des Jugendwerkstätten-Programms ausdrücklich. Die Untersuchung bestätigt den hohen Wert der Jugendwerkstätten als sozialpädagogische und außerschulische Lernorte, die jungen Menschen im Übergang Schule–Beruf Stabilität, Orientierung und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Angesichts steigender psychosozialer Belastungen der Zielgruppe ist es entscheidend, die Jugendwerkstätten strukturell zu stärken und langfristig zu sichern.
Die LAG JSA setzt sich dafür ein, die Empfehlungen der Evaluation konstruktiv weiterzuentwickeln und ihre Umsetzung fachlich zu begleiten.


Pädagogischer Auftrag: Individualisiert, flexibel – aber strukturell unterfinanziert
Die Evaluation zeigt deutlich, dass individualisierte Förderung, ressourcenorientiertes Arbeiten, flexible Anpassungen der Förderplanung und sinnstiftende Praxisangebote zentrale Erfolgsfaktoren der Jugendwerkstätten sind. Sie bestätigen damit die fachliche Ausrichtung, die seit vielen Jahren in der Praxis gelebt wird. Diese hohe Qualität ist allerdings nur dann dauerhaft zu sichern, wenn sie auch politisch anerkannt und finanziell getragen wird.
Die steigende Komplexität der Bedarfe der jungen Menschen – insbesondere im Bereich psychischer Gesundheit – erfordert eine Anpassung der Personalschlüssel, regelmäßige Fortbildungen und die Möglichkeit, psychotherapeutische Expertise stundenweise in die Teams einzubinden. Da die Stabilisierung immer häufiger mehr Zeit benötigt, sollten die individuellen Verweildauern der jungen Menschen verlängert werden können. Die Evaluation beschreibt Jugendwerkstätten als bedarfsgerecht ausgerichtete Angebote – und genau deshalb müssen die Rahmenbedingungen entsprechend weiterentwickelt werden.


Netzwerkauftrag: Jugendwerkstätten als zentrale Knotenpunkte – aber ohne ausreichende Ressourcen
Laut Evaluation spielen Jugendwerkstätten eine wesentliche Rolle im Netzwerk der Jugendhilfe, Arbeitsverwaltung, Schulen und sozialen Dienste. Sie identifizieren frühzeitig Bedarfe, kommunizieren Versorgungslücken und fungieren als Sprachrohr der jungen Menschen. Gleichzeitig zeigt die Evaluation, dass es deutliche Lücken gibt – insbesondere in der psychosozialen Versorgung und bei Angeboten für schulabsente Jugendliche.
Diese Befunde decken sich vollständig mit denen der Praxis. Jugendwerkstätten können jedoch nur dann wirksam netzwerken, wenn sie über ausreichende und verlässliche personelle und zeitliche Ressourcen verfügen. Kooperationen, etwa mit Betrieben, müssen zudem realistisch am Entwicklungsstand der jungen Menschen ausgerichtet werden, da nicht alle junge Menschen sofort in der Lage sind, betriebliche Anforderungen zu erfüllen. Sinnvoll ist eine bedarfsorientierte Auswahl der Kooperationspartner – nicht eine pauschale Erwartung.
Auch die strukturellen Versorgungslücken betreffen die Jugendwerkstätten unmittelbar. Zusätzliche sozialpsychologische Angebote könnten im Einzelfall als Brückenlösungen dienen, bis Regelversorgungen greifen, ohne aber die klaren Konturen anderer Fachzuständigkeiten aufzulösen. Ergänzende Angebote zur Schulpflichterfüllung sollten in enger Zusammenarbeit zwischen Sozialministerium, Kultusministerium und Jugendwerkstätten entwickelt werden, nicht als voneinander getrennte Systeme.

Erreichbarkeit: Strukturproblem, kein Werkstattproblem
Die Evaluation benennt die Herausforderung, schwer erreichbare junge Menschen anzusprechen und ihnen Zugang zu ermöglichen – insbesondere in ländlichen Regionen. Sie empfiehlt mobile Lösungen, Fahrtkostenregelungen und eine engere persönliche Ansprache. Die LAG JSA unterstützt diese Einschätzungen, weist aber klar darauf hin, dass Erreichbarkeit ein strukturelles Problem der Infrastruktur ist und nicht den Jugendwerkstätten allein überlassen werden darf.
In vielen Regionen verhindern fehlende ÖPNV-Angebote die Teilnahme. Zusätzlich führen durch Jobcenter eingekaufte Platzkontingente dazu, dass Jugendwerkstätten trotz hoher Nachfrage im offenen Zugang nicht belegt werden können. Dies erzeugt einen unangemessenen Auslastungsdruck, der dringend politisch gelöst werden muss. Landesweit einheitliche Fahrtkostenregelungen und finanzierte Fahrdienste sind zentrale Bausteine für echte Teilhabe.


Öffentlichkeitsarbeit: Sichtbarkeit ja – Mehrbelastung nein
Die Evaluation fordert eine stärkere Sichtbarkeit der Jugendwerkstätten und empfiehlt eine landesweite Informationskampagne. Die LAG JSA unterstützt dieses Anliegen, betont jedoch, dass Öffentlichkeitsarbeit nicht zu zusätzlichen Belastungen der Einrichtungen führen darf. Um die Sichtbarkeit zu erhöhen und gleichzeitig die Einrichtungen zu entlasten, braucht es zentrale Strukturen
und Ressourcen – insbesondere eine landesweite Informationsplattform, gemeinsame Kommunikationsmaterialien und professionelle Öffentlichkeitsarbeit auf Landesebene. Sichtbarkeit ist wichtig, aber sie muss finanziert und koordiniert werden.


Strukturelle Weiterentwicklung: Keine Parallelsysteme, sondern gemeinsame Lösungen
Die Evaluation schlägt Gespräche zur Einrichtung von Produktionsschulen für schulabstinente Jugendliche vor. Die LAG JSA begrüßt ausdrücklich, dass das Kultusministerium stärker in die Verantwortung genommen werden soll. Gleichzeitig sieht sie Risiken in der Schaffung paralleler Strukturen: Wenn Produktionsschulen neben Jugendwerkstätten aufgebaut werden, könnte dies zu Konkurrenzsituationen führen oder die Angebote fragmentieren.
Es braucht eine gemeinsame, abgestimmte Angebotsentwicklung, die die Stärken der Jugendwerkstätten nutzt und weiter ausbaut. Übergänge zwischen verschiedenen Systemen und Rechtskreisen müssen flexibler gestaltet werden. Auch die fast vollständige Abwesenheit des SGB-III-Trägers in den bestehenden Strukturen ist aus Sicht der LAG JSA nicht hinnehmbar – denn auch dort sind junge Menschen verortet, die zur Zielgruppe der Jugendwerkstätten gehören.


Finanzierung: Dringend, dauerhaft, unabhängig vom ESF
Die Evaluation macht unmissverständlich deutlich, dass die Finanzierung der Jugendwerkstätten sowohl unsicher als auch nicht auskömmlich ist. Angesichts steigender Bedarfe und wachsender psychosozialer Herausforderungen ist eine langfristige Landesfinanzierung unabdingbar. Die LAG JSA fordert deshalb eine verlässliche Grundstruktur, die unabhängig von ESF-Förderlogiken gestaltet ist.
Notwendig ist zudem eine fortlaufende Anpassung an tatsächliche Kostensteigerungen und die Option auf eine Finanzierung psychologischer Fachleistungen.


Jugendwerkstätten sichern Teilhabe – Politik muss Rahmen sichern
Jugendwerkstätten sind ein unverzichtbarer Bestandteil des sozialen und beruflichen Übergangs in Niedersachsen. Sie stabilisieren junge Menschen, schaffen Perspektiven und fördern gesellschaftliche Teilhabe. Damit sie diese Rolle dauerhaft erfüllen können, braucht es politische Verbindlichkeit, strukturelle Sicherheit und eine langfristige Finanzierung. Die LAG JSA fordert daher einen verlässlichen Rahmen, der den tatsächlichen Bedarfen der Zielgruppe entspricht – und den Jugendwerkstätten ermöglicht, weiterhin wirksam und nachhaltig für junge Menschen da zu sein.


Beschluss des Vorstands vom 04.05.2026

 

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Veröffentlichung

Fr, 08. Mai 2026

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